Jetzt!

  Zwischen Hoffnungslosigkeit und Zuversicht

Die deutschsprachige Band um den Sänger und Gitarristen Michael Girke aus Herford bestand von 1984 bis 1987 und wurde bis 1989 als Soloprojekt fortgeführt. Girke, damals auch Mitbegründer des Labels Fast Weltweit, wurde ab 2017 wiederentdeckt und als Wegbereiter der Hamburger Schule gelobt. 2019 wurde daher das erste reguläre Album „Wie es war“ von Jetzt! veröffentlicht. Und so hat der Künstler über die aktuelle Veröffentlichung von „Können Lieder Freunde sein?“ hinaus Erwähnenswertes zu erzählen.

Man darf Dich zweifelsohne als Mastermind von Jetzt! bezeichnen. Kannst Du mir bitte fünf Künstler/Bands und dazu jeweils einen prägenden Titel nennen, die Jetzt! zwischen 1984 und 1989 und ab 2019 beeinflusst haben.

1984 – 1989: The Clash - „Amagideon Time“, Bob Dylan - „It‘s allright Ma, I‘m only bleeding“, Ton, Steine Scherben - „Jenseits von Eden“ (Liveversion). Ab 2019: Van Morrison – „Astral Weeks“, Declan O‘ Rourke - „The Thing That We Share“.


Deine Karriere als Musiker hattest Du ja schon 1989 aufgegeben. Wie hast Du zwischen 1989 und 2019 Deinen Lebensunterhalt bestritten, und waren es tatsächlich die Lobeshymnen des Feuilletons deutscher Zeitungen/Zeitschriften, die Dich zu einem Neustart bewegt haben?

Etwas, das eine Musikerkarriere genannt zu werden verdient, hatte ich nie vorzuweisen, es gab deshalb auch nichts aufzugeben. Geschrieben habe ich immer schon. Beruflich dann Essays, Artikel zu Literatur und Kino. Lange Zeit für eine linke Wochenzeitung in Bielefeld, dann für sehr viele andere Organe; auch doziert an Hochschulen. Ein bei mir seit einiger Zeit veränderter Blick auf das Lied, seine Fähigkeit, zu berühren – das zieht mich zu dieser Ausdrucksform hin.


Wo liegt der Unterschied zwischen den ersten Jetzt!-Veröffentlichungen auf 7“ und Cassette (Fast Weltweit -Label) zu der ersten regulären LP/CD „Wie es war“? Und inwiefern hat sich der Sound zu „Können Lieder Freunde sein?“ weiterentwickelt/verändert?

Wir von Fast Weltweit konnten damals allenfalls davon träumen, dass irgendwer unsere lokalen Kleinst-Veröffentlichungen zur Kenntnis nehmen möge. Dass Menschen „Wie es war“ zu sich nach Hause geholt haben, das eben macht den himmelweiten Unterschied: Die neuen Lieder sind sozusagen zur Welt gekommen, müssen ihren Weg, anders als früher, nicht einsam gehen.

Die Songs von „Wie es war“ haben zusammen eine Geschichte erzählt, die nach intimen, vielleicht zarten Tönen verlangte. Das ist bei der von „Können Lieder Freunde sein?“ erzählten Geschichte ein bisschen anders. Klingt wahrscheinlich seltsam, aber es sind am Ende wirklich die Songs, die darüber entscheiden, wie sie klingen wollen.

Ist Jetzt! aktuell eine Ein-Mann-Band oder eine Formation mit anderen Musikern?

Garn, das gesponnen wird und einem in schwierigen oder trüben Zeiten Leben einhaucht - das sind Songs im besten Falle. Sie brauchen manchmal nur Gitarre und Gesang (mich als Liedermacher oder Singer/Songwriter oder wie das heißt), manchmal auch erweiternde musikalische Dimensionen. Wer immer den Songs zu letzteren verhilft, ist in dem Moment Teil von Jetzt!.


Welche Rolle kam dem Produzenten Thomas Wenzel (Die Goldenen Zitronen, Die Sterne) zu, der ursprünglich aus Schleswig-Holstein kommt und seit Anfang der 1990er Jahre in Hamburg lebt?

Thomas Wenzel, der aus Elmshorn stammt und zum Fast Weltweit-Umfeld gehörte, hat laut gelacht, als ich ihm berichtete, er gelte wegen seiner Arbeit mit Jetzt! inzwischen als Ostwestfale. Thomas ist sehr, sehr wichtig, er macht sich Gedanken, agiert als eine Art künstlerischer Verstärker, wenn ich ihm einen neuen Song vorspiele. Manchmal haut mich regelrecht um, was alles aus seiner Richtung kommt. Am Schönsten jene Momente, wenn wir uns angestachelt Bälle zuwerfen und dabei etwas Gestalt annimmt.

Du wirst wegen Deiner Texte sehr geschätzt. Woher beziehst die die Inhalte Deiner Stücke? Geht es um Erdachtes, Tatsachen, Denkanstöße oder sogar Gesellschaftskritik und Politik? Die Inspiration muss ein Geheimnis bleiben. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte, ich weiß es schlicht und ergreifend selber nicht, wo genau meine Songs herkommen. Natürlich gibt es Absichten: in diesem Song möchte ich gern hiervon oder davon erzählen. Doch meist zerbröseln diese Absichten im Laufe des Schreib-Prozesses, dann wird es vieldeutig und zugleich echt anstrengend. Ich weiß leider keinerlei Rezepte für gelingende Songs. In-Sich-Gehen hilft, das Alltägliche nicht als gewöhnlich, sondern als verblüffend zu betrachten auch.


Die Produktion einer LP/CD ist die eine Seite des Business, Liveauftritte die andere. Gibt es Pläne „Können Lieder Freunde sein?“ auf die Bühnen zu bringen?

Manche Songs auf „Können Lieder Freunde sein?“ müssten quasi mit großem Orchester aufgeführt werden, also beispielsweise mit Bläsern, wie die vorzüglichen Dexys Midnight Runners sie einst besaßen. Für den Rahmen, im dem Jetzt! sich bewegt, ist das womöglich zu aufwendig und teuer. Schön wäre es trotzdem, ein Traum würde wahr. Ja, es wird Konzerte geben, und wir überlegen derzeit intensiv, was da realisierbar ist.

Welche Erwartungshaltung hast Du/hat das Label Tapete Records bezüglich der neuen Veröffentlichung?

Bei Tapete erwartet man, dass das Jetzt!-Album durch die Decke schießt, viele Millionen Hörer*innen findet, mächtig Gewinn erwirtschaftet, dem Haus zu Glanz verhilft. Ich bezweifle stark, dass es so kommen wird. Wenn das Album einige Menschen beschäftigt oder gar berührt, wäre das schon schön.


Die Legalisierung von Cannabis soll unter der neuen Ampel-Regierung Wirklichkeit in Deutschland werden. Chance oder Katastrophe?

Das mögen diejenigen beurteilen, die von Cannabis etwas verstehen. Mich treiben andere Dinge um. Zum Beispiel, dass derzeit immer mehr Köpfe hierzulande Feuer fangen, sich tatendurstig militarisieren - und diejenigen, die dem Westen angesichts des Krieges in der Ukraine zu militärischer Vorsicht raten, nicht bloß kritisieren, sondern verbal niedermachen. Oder dass kurz vor seinem Tod vor zwei Jahren einer meiner Lieblingsschriftsteller notierte: angesichts des Folterns und Mordens im Syrienkrieg sei sein lebenslanges Dichten sinnlos, überflüssig. Hat er recht? Mal denke ich so, mal so.


Wie sieht ein perfekter Tag für Dich aus?

Lesen, Denken, Lieben, Tagträumen.

Text: Frank Keil | Bilder: Wierke