Travels

Andalusien

WÜSTER SHIT, DASS HIER…
onkel Dittmeyer hatte Recht…

Wir waren hier schon. Beeindruckenden Canyons… Gedrungene Pinien, die sich in den Fels krallen… der Geschmack nach Staub… Welcome back to „Desierto Gorafe“.


Kurz zur geografischen Einordnung: Südspanien. Oberhalb von Granada. Irgendwo zwischen Guadix, Pozo Alcón und Cazorla.


Als wir zwischen Dezember und Januar diese Gegend hier bereist haben, waren wir über alle Maßen geflasht. (Siehe dazu den Beitrag hier.) Und es ging um Orangen. Über die könnte ich auch dieses Mal wieder ein ganzes Buch schreiben. Mach ich aber nicht. Nur so viel: Als wir am 16. April hier unten ankommen, stehen hunderte und tausende Hektar Orangenbäume gerade in voller Blüte. Und jetzt stell dir mal den Geruch vor. Orangenbäume. Links und rechts der winzigen Landstraße. Kilometer weit. HAST DU ‘NE AHNUNG, WIE DAS RIECHT???

Auch dieses Mal reisen wir mit unseren Freunden. Aber trotzdem ganz anders. Die Hunde sind auf dieser Reise nicht dabei. Die machen quasi frei. Dafür hängt am PickUp ein Hänger mit zwei voll umfänglich geländetauglichen großen Enduros. Denn wir haben uns vorgenommen, die Wüste auf zwei Rädern zu bereisen.


Kurz zu den Fakten: Vier Personen, zwei umgebaute Reisemobile, zwei Enduros. Reisestrecke sind rund 6.000 Kilometer in 9,5 tagen. Drei Tage davon auf den Motorrädern. An Bord haben wir Grundverpflegung und Basics für den gesamten Trip und Frischware kaufen wir vor Ort. Insgesamt haben wir 70 Liter Trinkwasser, das zum Trinken, Kochen und Waschen reichen muss. Die routen haben wir im Vorfeld geplant und als GPX-Daten auf die Handys und Tablets gezogen.

Esther muss noch arbeiten, also geht’s am Gründonnerstagnachmittag vom Saarland aus Richtung Süden. Das Reisen mit Hänger behindert auf französischen Autobahnen gar nicht mal so sehr und so kommen wir am ersten Nachmittag ein gutes Stück hinter Lyon. Runter von der Autobahn, irgendwo in die Hinterland-Käffer und dort hauen wir uns einfach an den Straßenrand.


Als es morgens hell wird, wird uns bewusst, dass es hier schon wesentlich grüner ist, als im Saarland. Die Region hier unten ist uns locker vier Wochen voraus. Schön zu sehen, morgens um kurz vor 7.00 Uhr. Kaffeezeit.


Kaffee. An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. „There’s no life without coffee.“ Der Zubereitung von Kaffee wird auf unseren Reisen große Aufmerksamkeit und Sorgfalt beigemessen. In der Regel führen wir auch ausreichend Kaffee mit, um ohne weiteres mehrere Monate autark in der Wildnis ohne jeglichen Verzicht oder – oh jesses– unter Rationierung Kaffee genießen zu können. Es ist immer ein Espressokocher zur Hand. Immer. Dafür gibt es in Fahrzeug A eine eigene Eurobox, wasser und staubdicht, in der sich neben dem Espressokocher ein Gaskocher, eine Schraubkartusche mit Gas, Tassen, brauner Zucker (wer möchte) und natürlich Espressopulver befindet. Und auch in Fahrzeug B gibt es ein ganz eigenes Staufach mit eigentlich exakt gleichem Inhalt. In stehendem Zustand sind diese Aufbewahrungsorte jederzeit und aus jeder Richtung und immer erreichbar und zugänglich. Weil Kaffee einfach wichtig ist. So.

Wohlig ausgeruht und frisch koffeiniert rollen wir einen recht unspektakulären Tag weiter Richtung Süden. Bis wir abends im tiefsten Hinterland von Valencia an einem türkisblauen Stausee unser Nachtlager aufschlagen. Faszinierend hieran ist, dass ich eigentlich auch im Wasser parken könnte. Das wäre – zugegebener Maßen – saudumm, aber es wäre möglich. Wenn ich jetzt an den Stausee Nonnweiler denke… eingezäunte Uferlinie, Betreten verboten, Schwimmen sowieso. Und hier stehen weitläufig verteilt und in respektvollem Abstand untereinander einfach Camper, Overlander und Reisende an der Uferlinie und machen Lagerfeuer oder kochen gerade Abendessen auf dem Gaskocher oder gehen einfach noch ‘ne Runde Schwimmen. Faszinierend, wunderschön und bei uns zuhause undenkbar.

Clever wie wir sind haben wir natürlich Richtung Osten geparkt und werden morgens zu den Rufen von (geschätzt) 118 Käuzen von der Sonne geweckt. Es gibt Kaffee(!) ein kleines Frühstück und dann reissen wir die letzte Etappe bis zum Ziel runter.


Auf dem ehemaligen Olivenhain von Sam ist sozusagen unser Basecamp. Sam ist tunesischer LKW-Fahrer aus Belgien im Ruhestand. Vor einigen Jahren haben er und seine Frau hier ein Stück Land gekauft, machen irgendwas mit Oliven (Das Öl ist wirklich ausgesprochen lecker.) und betreiben auf ihrem Grundstück „so eine Art Campingplatz“… Das funktioniert folgender Maßen: wer nicht in einer der ausgebauten Höhlen nächtigen möchte, sucht sich irgendwo auf dem Gelände einen Stellplatz und haut sich da mit dem Camper, Dachzelt, Kombi, Motorrad, Expeditions. LKW oder Fahrrad einfach hin. Punkt. In der Mitte des Areals gibt es sanitäre Anlagen und vom Feuerholz (altes Olivenholz) kann man sich nehmen, so viel man braucht. Gratis. Eine Nacht mit Duschen kostet 5,00 Euro pro Person. Und geile Ausflugstipps für die Canyons hat er auch. Er hat eigens GPX-Tracks angelegt, die man dann abfahren kann… Guter Typ.

Wir haben im Vorfeld schon mit Sam geklärt, dass wir den PickUp und den Hänger bei ihm stehen lassen und auf den Motorrädern in die Wüste fahren. Und wer jemals eine mehrtägige Motorradtour im teils echt strammen Gelände und bei Tagestouren über 30°C gemacht hat weiß, wie unfassbar komfortabel eines „Begleitfahrzeugs“ ist. Unsere Freunde Esther und Stephan sind so unfassbar nett und transportieren unseren gesamten Scheiss, den wir für die drei Tage in der Wüste so brauchen… Zelt, Isomatten, Wasser (ganz wichtig!), Verpflegung und zwei 20-Liter-Kanister Superplus. Und so fahren wir am Folgetag die knapp 50 Kilometer von unserem Stellplatz in Baza nach Gorafe und steigen dort in die unwirkliche und unwirtliche Wüstenlandschaft. Canyons, staubige Plateaus und Sonne, Sonne, Sonne. Offenbar haben wir den richtigen Moment abgepasst, denn wir treffen in den folgenden drei Tagen eigentlich nur eine Hand voll Leute…

In den letzten Wochen hat es hier übel geregnet, was ziemlich selten ist. Aber wenn dann halt richtig. Und so wechseln sich fiese Schlammlöcher mit staubigen Sand- und Schottertracks ab. Wir schwitzen wie die Schweine, der Nacken ist rot und knusprig gebraten und wir trinken um die 6 Liter am Tag ohne ein einziges Mal pinkeln zu müssen. Im Schatten sind es über 30°C, aber… es gibt eigentlich keinen Schatten. Und so fahren wir drei Tage durch diese unfassbar atemberaubende Landschaft und campieren an Plätzen, die dermaßen pittoresk sind, dass sich kein Postkartenverlag rantrauen würde. Abends, wenn unser Lager steht, packen wir den Skotti (einfach mal googeln. Ein auf Minimalmaß zerlegbarer Edelstahlgrill.) aus und führen den geschundenen Körpern große Mengen wohlschmeckender Kalorien zu.

Alles in allem haben wir drei wirklich faszinierende Tage, hier, im Nichts. Die Technik hält (sogar beim LandRover), es gibt keine größeren Sturzverletzungen und auch Lisa, die eigentlich erst vor knapp zwei Jahren den Motorradführerschein gemacht hat, pilotiert ihre BMW GS nahezu professionell die Steilhänge hoch. Meistens zumindest.

Was wir hier ziemlich abgefahren finden: hier wohnt der Berberomeloe majalis. „Kennischnisch“ sachste jetzt? Ging uns auch so. Lisa hats rausgefunden und Wikipedia sagt: „Berberomeloe majalis ist ein Käfer aus der Familie der Ölkäfer (Meloidae) und ist mit bis zu 7 cm einer der größten Käfer Europas.“ Die ersten 20 lassen dich noch zusammen zucken. Ich meine… 7 Zentimeter ist schon ein Wort, wenn du irgendwo sitzt, und das Gerät läuft dir zwischen den Füßen durch. Aber man gewöhnt sich doch recht schnell dran. Und beißen tun die auch nicht.


Nach drei Tagen hat der Spaß leider schon ein Ende. Vielleicht auch Gott sei dank. So langsam stinken die Motorradklamotten erbärmlich und noch einen Tag glühend heisse südspanische Sonne hält meine Haut einfach nicht aus.

Wie geplant fahren wir zurück zu Sam und gehen duschen. Duschen. An dieser Stelle ein kleiner Exkurs… Man duscht eigentlich viel zu oft. Scheint so eine Art Zivilisationskrankheit zu sein. Überleg mal, was da an kostbaren Trinkwasser durch den Abfluss geht. Jeden Tag. Aber! Nach so einer Tour – oder generell auf unseren Reisen – lernen wir je-des-mal diesen unbeschreiblichen Luxus einer warmen Dusche, aufs Neue zu schätzen.


Und so verbringen wir frisch geduscht und satt die letzte Nacht hier unten im jetzt schon nahezu luxuriösen Dachzelt, bevor es am folgenden Tag wieder Richtung Norden geht. Doch eine Überraschung hält die Region noch für uns bereit. Und damit hätten wir garantiert nicht gerechnet! Über Nacht(!) fallen die Temperaturen auf 2°C und als wir unser Camp zusammenpacken und die Motorräder auf den Trailer laden… fängt es an zu schneien. Es schneit. Am Rande der Wüste. In Andalusien. Irre.


Wir packen in windeseile zusammen und sehen zu, dass wir auf die größeren Straßen Richtung Barcelona kommen. Uns begegnen in der Tat vereiste und zugeschneite Autos. Und wer denkt, dass Saarländer mit Schnee auf der Straße nicht all zu gut klarkommen… der sollte mal in eine Region fahren, in der es sonst NIE schneit und in der ein Winterreifen eine völlig sinnfreie Anschaffung ist. Normalerweise.


Wir fahren also auf der Karte nach oben, haben mehrer Stunden Schnee und hören in den Nachrichten, dass es in Madrid tatsächlich über 30 Zentimeter geschneit hat.


Je höher wir kommen, desto wärmer wird es. Und so geht der Schnee in Regen über und so haben wir auf unserer Heimreise einfach dreißig Stunden Regen. Hätten wir nicht gerade so viel Sonne getankt, hätte ich den Hilux vermutlich irgendwo in einen Brückenpfeiler gesteuert, nur um diesem ewigen Prasseln zu entgehen. Dreißig Stunden sind echt lang.


Auf Höhe der Ardeche hört es dann endlich auf zu Regnen. Es ist sogar recht mild und freundlich und es riecht nach Frühling. Wir verbringen eine letzte Nacht auf dem rieeeeesigen Gelände eines Bauernhofs. Ziegen und Schweine inklusive. Und dann gehts heim. Duschen. Auspacken, sortieren…

Die nächste Reise ist schon geplant. Nächste Woche ist ein „langes Wochenende“ und das werden wir nutzen, um am Strand in der Normandie unsere Sommerreise in die Karpaten zu planen. Da gibt es immerhin noch über 6.000 freilebende Braunbären. Das wollen wir uns mal anschauen.


Bis dahin erfreuen wir uns aber zuhause an unseren Mitbringseln. Wir bringen immer irgendwas mit. Meistens ist es essbar. So wie auch in diesem Fall… Feinster Serrano. Sauleckerer Manchego. Und ein Oliven- und ein Orangenbäumchen, denen es hier prächtig geht.

„Über den Autor“…

Tourensohn. Baujahr 1977, verreist am liebsten mit dem Dachzelt oder auf dem Motorrad. Oder mit beidem. Mehr Bilder gibt’s unter @tourenkinder oder fb.com/tourensohn


Fotos: © Tourensohn & Lisa Quirmbach