Urban Art im Weltkulturerbe
​​​​​​​Völklinger Hütte

 Serie „Kunst im Kontext von Industriekultur“ – Teil 1

Einst wurde hier Erz mithilfe saarländischer Kohle in Eisen umgewandelt, einst war die Völklinger Hütte einer der modernsten Industrieanlagen in Europa. 1873 gegründet, 1986 stillgelegt, 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Seither staunen Menschen aus aller Welt über den „letzten erhaltene Hochofenkomplex, der die Roheisenproduktion in einer beeindruckenden Authentizität und Vollständigkeit abbildet“, wie es in der Beschreibung der Welterbeliste heißt.

Doch nicht nur Technikbegeisterte pilgern nach Völklingen, sondern auch Kunstfans. Denn die Völklinger Hütte sich in den vergangenen Jahren auch in der Urban-Art-Welt einen Namen gemacht. Am 1. Mai wurde die sechste Biennale eröffnet. Noch bis zum 6. September werden Entwicklungen und Positionen der Kunst, die sich aus Street-Art und Graffiti entwickelt hat, präsentiert. Zu sehen sind unter anderem Rauminstallationen, Arbeiten auf Leinwand, Plastiken, Schablonen-Graffitis, Paste-Ups, Augmented Reality und Murals, die vor Ort entstanden sind. „Ausnahmslos jede Künstlerin und jeder Künstler ist fasziniert von der Würde und Aura der historischen Hallen, Rohrsysteme und Wände, dem Rost und der Rauheit antworten die Roughness und Unangepasstheit, die im besten Fall der Urban Art eigen ist“, erklärt Dr. Ralf Beil, Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte.

Dass das Zusammenspiel von Industrieanlagen mit Urban Art gelingt, dass sie zu kongenialen Dialogpartnern werden, ist für ihn keine Überraschung: „Die Völklinger Hütte hat mit allen anderen Industrieanlagen der Jahrhundertwende im Inland die Basis jenes Reichtums erwirtschaftet, der all die Jugendstilviertel ermöglicht hat, die – floral-ornamental verziert – die Städte Europas um 1900 maßgeblich erweitert haben. Die Schwerindustrie war im Fall von Völklingen sogar die Keimzelle aller Urbanität: Eine Stadt im Wortsinn entstand erst mit und um das Werk zwischen Saar-Ufer und Eisenbahngeleisen. Deshalb könnte es keinen passenderen Ort für eine Urban Art Biennale geben als das Weltkulturerbe Völklinger Hütte.“


Von spektakulär bis amüsant, von politisch bis poetisch: Mehr als 60 Künstler sind bei der diesjährigen UrbanArt Biennale vertreten. Unter ihnen ist der Franzose Maxime Drouet, der in der 1.000 Quadratmeter großen Erzhalle mit künstlerisch bearbeiteten Zugfenstern und -türen die abstrakte Variante eines 23 Meter langen Zugwaggons entstehen ließ. Das iranische Duo Icy and Sot errichtete in der Möllerhalle aus gelben Bauhelmen eine Pyramide zu Ehren der Arbeit. Auf der Staubwand hat der Franzose Rero mit dem 78 Meter langen und sechs Meter hohen, durchgestrichenen Schriftzug „HELL-O-WORLD“ seine Botschaft hinterlassen. An der Fassade des Saarstahlgebäudes der ehemaligen Stranggussanlage an der Bahnhofsunterführung ist ein großformatiges Porträt eines türkischen Hüttenarbeiters vom deutschen Street-Art-Künstler Hendrik Beikirch zu sehen.

Auch die Trennscheiben der Unterführung, die die Stadt mit dem Weltkulturerbe verbindet, die ehemalige Röchling-Bank und viele weitere auratische Orte in der Stadt und auf dem Hüttenareal werden zu Orten der Kunst. Dies gilt ebenso wieder für das „Paradies“, das Areal der Kokerei, wo früher Hitze, Staub und Feuer herrschten und wo sich die Natur ihr Terrain zurückerobert hat. Dr. Ralf Beil: „Hier wurde die industrielle Überformung nach und nach zurückgenommen und es ist ein mitunter verwunschenes Territorium für Flora und Fauna entstanden. Pflanzen und Tiere sind dort weitgehend sich selbst überlassen und eben nicht eingehegt als Garten oder Zoo – den aktuell prägenden Naturerfahrungsräumen des westlich zivilisierten Menschen. Auch dies kommt der Urban Art entgegen, die sich gerne Nischen und Brachen der städtischen Entwicklung sucht, um ihr ganzes, mitunter subversives Potenzial zu entfalten.“

Die siebenteilige Serie „Kunst im Kontext von Industriekultur“ wird gefördert im Rahmen des Stipendienprogramms der VG WORT in NEUSTART KULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Text: Katharina Rolshausen
Bild: Weltkulturerbe Völklinger Hütte Karl Heinrich Veith / Rero